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Bauernglocke

    Dorfplatz/Dorfstraße

    Die Glocke wurde 1797 gegossen, der Stamm ist modern.

    Von Arno Vorpahl

    Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte die von Flüssen umgebene Landschaft Stapelholm eine Reihe von Besonderheiten, zu denen auch die Bauernglocken gehören. Sie sind sonst in keiner anderen Region üblich. Wer durch die Dörfer der Landschaft fährt, wird sie schnell entdecken. Die Bauernglocken stehen an einem zentralen Platz, an einer Kreuzung in der Dorfmitte, vor dem Dorfgemeinschaftshaus oder an einer anderen markanten Stelle. Die Glocken haben einen Durchmesser von ca. 30 cm und hängen oben an einem dicken Eichenstamm in ca. 8 Metern Höhe. Der unbehauene, naturbelassene Eichenstamm ist lediglich von der Rinde befreit. Oben gabelt sich der Stamm und trägt eine meist schmiedeeiserne Vorrichtung zum Läuten der Glocke. Oft wird die Gabel von einer schmiedeeisernen Jahreszahl bekrönt, die über das Alter der Glocke Auskunft gibt. Eine Kette hängt von der Glocke herunter oder ist um den Stamm gewickelt, doch kann sie nur mithilfe einer kurzen Leiter erreicht werden, um sie vor unbefugten Händen zu schützen und jugendlichem Unfug Einhalt zu gebieten. Es gibt auch andere Konstruktionen. Beispielsweise sind in Norderstapel zwei gesägte Eichenbalken aufgestellt, zwischen denen die Bauernglocke hängt. In Erfde war früher auch der obere Tragbalken aus Eiche, aber als dieser morsch wurde, besann man sich auf die „klassische Form“. In Süderstapel bestand das Gerüst für die Bauernglocke aus einem gesägten Balken, der unten durch vier schräge Hölzer gestützt wurde. Auf ihm war eine schmiedeeiserne Halterung für die Glocke angebracht. Doch auch das Gerüst in Süderstapel wurde morsch und wurde durch einen gewachsenen, gegabelten Stamm ersetzt.

    Die Glocken, auf ihrem hohen Stamm der norddeutschen Witterung ausgesetzt, waren meist aus Bronze. Nur neuere aus dem 20. Jahrhundert sind auch in Stahl gegossen worden. Die älteste Glocke trägt die Jahreszahl 1687. Sie stammt aus Seeth und trägt die Inschrift: Hans Volkers, Burfaget. Tatsächlich gab es damals in dem Dorf einen Bauernvogt mit diesem Namen. Im Jahre 1935 ist sie allerdings beim Läuten gesprungen. Glücklicherweise hat man die Glocke nicht eingeschmolzen. Selbst die Kriegszeiten überstand sie und fristete beim Bürgermeister ein stilles Dasein. Die Gemeinde ließ eine neue Glocke gießen, die anschließend durch das Dorf schallte.

    Die Bauernglocke in Norderstapel ist etwas jünger. Auf ihr ist zu lesen: „Nord Stapler Bauerlach, Carsten Petersen, Voigt, Anno 1773“. Daneben ist auch der Name des Glockengießers zu lesen: D. Krische, Eckernförde.

    Auch die Bauernglocke in Drage ist recht alt. Sie trägt die Inschrift: „Peter Stien. Vogt. Hans Hanssen. Drage 1797“.
    Eine ganz andere Geschichte hat die Bauernglocke in Süderstapel. Hier wurde zunächst die Betglocke der Kirche als Bauernglocke genutzt. Als 1874 allerdings Reparaturen notwendig wurden, stritt man über die Kosten für die Wiederherstellung. Schließlich ließ die Gemeinde Süderstapel eine eigene Bauernglocke gießen, die nicht mehr in der Kirche aufgehängt, sondern im Dorfzentrum aufgestellt wurde.

    Erfde musste viele Jahre ohne eine Bauernglocke auskommen. Noch 1864, als der Deutsch-Dänische Krieg zu Ende ging, wurde sie geläutet, wie man in Berichten lesen kann. Allerdings muss sie kurze Zeit später verschwunden sein. Erst in den 1950er Jahren besann man sich in der Gemeinde auf die Tradition und errichtete wieder eine Bauernglocke auf dem neu angelegten Dorfplatz.

    Im benachbarten Bargen gibt es heute keine Bauernglocke mehr, allerdings wird ein Hügel dort „Klocktornbarg“ genannt und in niedergeschriebenen Erinnerungen wird von einer Glocke auf dem Hügel berichtet.
    Das Alter der einzelnen Glocken sagt allerdings nichts über den Ursprung der Institution aus. Schriftliche Quellen liegen aus dem Anfang des 19. Jahrhundert vor. Verschiedene Theorien versuchen, die Entstehung und das Alter der Bauernglocken zu erklären.

    Willers Jessen, ein Chronist der Landschaft, veröffentlichte eine Theorie über das Alter der Stapelholmer Bauernglocken. Er datierte die Einrichtung in das späte Mittelalter, ins 15. Jahrhundert. Damals lebten die Stapelholmer im Streit mit den Dithmarschern am gegenüberliegenden, südlichen Eiderufer. Immer wieder kam es zu Überfällen der verfeindeten Nachbarn, vor allem im Winter, wenn der trennende Fluss zugefroren war. 1402 kamen die Dithmarscher über die Eider, verbrannten die Kirchen zu Erfde und Süderstapel. Die Bauernglocken seien Alarmglocken, die vor den Überfällen der Dithmarscher warnten, so die These von Willers Jessen.

    Schon bald wurde Kritik an Jessens Theorie laut und namhafte Historiker zweifelten das Alter der Bauernglocken an. Noch heute wird in weiten Bevölkerungskreisen Stapelholms weiter an der Theorie von Willers Jessen festgehalten. Die populäre Geschichte von den Überfällen der Dithmarscher und den Bauernglocken zur Alarmierung wurde in zahllosen Aufsätzen und Artikeln immer wieder verbreitet.

    Die tatsächliche Nutzung der Bauernglocke liegt auf der Hand: Brach im Dorf ein Feuer aus, rief die Glocke die Einwohner zur Hilfe herbei. Auch bei Sturmfluten wurde die Bauernglocke geläutet. Die Landschaft Stapelholm liegt zwar im schleswig-holsteinischen Binnenland, aber die Sturmfluten der Nordsee mit Hochwasser drangen auch die Flussläufe hinauf. Die Eider war eingedeicht, doch bei schweren Sturmfluten konnten auch die Deiche in Stapelholm brechen, wie es oft in der Geschichte der Landschaft geschehen ist. Dann drohten die Flussniederungen zu überschwemmen und das dort weidende Vieh zu ertrinken.

    Wenn Arbeiten im Dorf zu vergeben waren, wurde durch die Bauernglocke die Bevölkerung dafür zusammengerufen. Der Chronist Willers Jessen schrieb dazu: „Der Bauernvogt oder die Deichbevollmächtigten rufen abends mit der Glocke die Einwohner zusammen. Wird die Glocke dreimal gezogen, dann ist das nur eine Ankündigung für den nächsten Abend. Am nächsten Abend wird längere Zeit geläutet, dann werden Gemeindearbeiten oder Arbeiten der Deichverbände verdungen, z.B. Wegearbeiten, Reinigung von Wasserläufen, Deichausbesserungen, Distelmähen, Nutzung des Grases an den Wegen. Zumeist, namentlich an schönen Abenden, bleiben die Bauern länger beisammen, rauchen ihre Pfeifen und besprechen Tagesneuigkeiten.“ Die Erfder Zeitung berichtete noch 1938, dass Arbeiten durch Läuten der Bauernglocke vergeben wurden.
    Auch Kriegszeiten verkündete die Bauernglocke. So wird berichtet, dass beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Süderstapeler Bauernglocke geläutet wurde. Als 1864 der Deutsch-Dänische Krieg zu Ende ging, wurden in Erfde die Bewohner zusammengerufen.

    Allerdings sind die Zeiten, in denen die Bauernglocken die Eingesessenen zu Versammlungen oder bei Feuer und Sturm zu nachbarschaftlicher Hilfe riefen, längst vorbei. Sirenen und moderne Technik haben diese Aufgaben übernommen. Die Bauernglocken stehen heute verstummt in den Dörfern Stapelholms. Nur noch sehr selten ist ihr Klang zu hören, etwa während des 750jährigen Jubiläums der Landschaft Stapelholm, als der Norderstapeler Bürgermeister das Schloss vom Glockenstrang entfernte und die Bauernglocke läutete. Sie sind heute zu einem Objekt der Identifikation der Bevölkerung mit ihrer Landschaft geworden, zu einem Wahrzeichen Stapelholms.

    Foto: Bauernglocke im Detail 2026 (Foto: Tjalfe Bang)
    Die Bauernglocke in Drage steht im Ortszentrum an einer Straßenkreuzung. Foto: Arno Vorpahl 2026
    Foto: Steve Gröne 2026
    Alte Ansicht der Drager Bauernglocke. Foto: Sammlung Arno Vorpahl
    Alte Ansicht der Drager Bauernglocke. Foto: Sammlung Arno Vorpahl
    Bauernglocken sind zum „Markenzeichen“ der Landschaft Stapelholm geworden. Foto: Arno Vorpahl
    Zum 750. Jubiläum der Landschaft Stapelholm wurde mit einer stilisierten Bauernglocke geworben. Entwurf: Uwe Nagel